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Rezension: „Alles nur Fake!“ von Eva Linsinger

Alles nur Fake Eva LinsingerIm Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien legen seit dem Jahr 2000 im Rahmen der „Theodor Herzl-Dozentur für Poetik des Journalismus“ Journalisten ihre Sicht über den Journalismus in ihren Vorlesungen dar. Die Vortragsreihe wurde nach dem Wiener Journalisten Theodor Herzl benannt. GastdozentInnen waren unter anderem Luc Jochimsen, Antonia Rados, Alice Schwarzer, Heribert Prantl, Armin Wolf und Anja Reschke. 2018 erläuterte Eva Linsinger ihre Sichtweisen, ihr Vortrag ist nun in einem Buch veröffentlicht worden.

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Die 1968 geborene österreichische Journalistin studierte Geschichte und Deutsche Philologie an der Universität Salzburg. Anschließend war sie beim „Kurier“ als Redakteurin tätig und wechselte 1992 zum „Standard“. In den Jahren 2004/2005 berichtete sie als Korrespondentin aus Brüssel. Seit 2006 ist Linsinger für die Zeitschrift „profil“ tätig. Dort leitet sie das Ressort Innenpolitik.

Linsinger erläutert die Grundzüge des Journalismus. Am Beispiel des früheren österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky (SPÖ), der mit den Worten „Sie glauben gar nicht, wie viel Lob ich vertragen kann“ zitiert wird, verdeutlicht sie eines der grundsätzlichen Probleme: die Fähigkeit, mit Kritik umzugehen. Aufgabe der Presse ist es, nicht die Position eines Politikers aus dessen Sicht darzustellen, sondern eben objektiv zu berichten. Und dazu gehört es beispielsweise eben auch, negative Auswirkungen von Gesetzesvorhaben zu beleuchten.

 

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Die Fähigkeit mit Kritik umgehen zu können nahm nach Ansicht Linsingers seit den 1960er Jahren deutlich ab. Politik wurde in Hinterzimmer verlagert, Pressekonferenzen waren „so häufig wie eine totale Sonnenfinsternis. Journalisten bekamen eher den Papst ans Telefon als einen Politiker“, zitiert Linsinger den langjährigen Chefredakteur Herbert Lackner der Zeitschrift „profil“.

Kritisiert wird insbesondere ein nachlassendes ökonomisches Gleichgewicht. Denn während Medienhäuser aufgrund zurückgehender Werbe- und Vertriebseinnahmen erheblichen Sparzwängen unterliegen, rüsten auf der anderen Seite Parteien und Ministerien auf. Dies wird am Beispiel des Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer (CSU) verdeutlicht. Dieser hat einen Journalisten eingestellt, der für den Minister in einem „Neuigkeitenzimmer“, welches anderen Ortes üblicherweise als „Newsroom“ bezeichnet werden würde, die Pressearbeit übernimmt. Der Mitarbeiter verbreitet nach Ansicht Linsingers gute Nachrichten, und blockt kritische Nachfragen von Journalisten ab. „Mit Steuergeld lässt sich leicht klotzen“, so die Dozentin.

 

Perfide an der Entwicklung der Medienbranche ist dann aber auch, dass sich neue Parteien auf den Weg machen, die die Hinterzimmerpolitik von sogenannten „Altparteien“ kritisieren, dann aber wiederum Journalisten von den eigenen Parteitagen ausschließen. So beschloss der AfD-Parteitag in Augsburg im Frühjahr 2018, dass auf Antrag von Delegierten Journalisten des Saales verwiesen werden können, dies sodann auch bei jedem weiteren AfD-Bundesparteitag. „Eine Partei, die eigentlich zur politischen Willensbildung beitragen soll, organisiert sich und ihre Veranstaltungen als Hinterzimmer-Kungelrunde, über die nur sie selbst in den eigenen digitalen Medien berichten darf. Das geht nicht und ist mit der Verfassung nicht vereinbar“, kommentierte dies seinerzeit der Deutsche Journalisten Verband DJV.

Ihre Sichtweisen werden von Politikern oftmals in absurder Weise übertrieben dargestellt, dies dann auch partei- und länderübergreifend. Linsinger verdeutlicht dieses, indem sie für den Leser ein besonders absurdes Beispiel in Erinnerung ruft, welches als Lachnummer in die Geschichte einging. So trat der irakische Informationsminister Muhammad as-Sahhaf während des dritten Golfkrieges zuweilen mehrmals täglich vor die Presse, erfand angebliche militärische Erfolge seines Landes und wollte auf diese Weise eine Überlegenheit der irakischen Armee verdeutlichen. Seine übertriebene Darstellung bewirkte, dass er schließlich in den Medien zu einer Karikatur seiner selbst wurde und man ihn mit diversen Spitznamen („Comical Ali“, „Baghdad Bob“, „Lügen-Ali“) titulierte. Höhepunkt seiner Auftritte war ein Fernsehinterview in dem er behauptete, der Irak würde den Krieg gewinnen, während im Hintergrund bereits erste amerikanische Panzer zu sehen waren.

 

Linsinger schildert, dass die Presse einer wachsenden Gefahr ausgesetzt ist. Im Zusammenhang mit verlegerischen Sparmaßnahmen besteht bei Journalisten auch ein anhaltender Zeitdruck. Es müsse immer häufiger in immer kürzerer Zeit abgeliefert werden, so Linsinger. Dies führt schließlich dazu, dass Redakteure der Versuchung unterliegen, vorgefertigte Pressetexte von Politikern, zuweilen als „Pressekit“ bezeichnet, ungeprüft übernehmen. So verkündete im April 2018 die ÖVP/FPÖ-Regierung eine Zusammenlegung von Krankenkassen und betonte dabei die wirtschaftlichen Vorteile. Unter anderem wurde in einer Pressemitteilung hervorgehoben, dass man 160 Luxusautos einsparen würde. Und eben jener Punkt fand sich sodann auch in den Nachrichten wieder. Doch viele der Einsparmöglichkeiten gab es überhaupt nicht, die Fahrzeuge entpuppten sich als Dienstwagen für Krankenbesuche.

Aber nicht nur Sparmaßnahmen führen zu journalistischen Einbußen. Auch die wachsende Konkurrenz durch soziale Medien kann laut Linsinger als Ursache für eine Bedrohung der Presse angesehen werden. Immer schneller und immer kompakter wird dort publiziert. Kurze, reißerische Phrasen verfangen sich beim Leser, die Informationstiefe bleibt auf der Strecke. Zusammenhänge werden nicht beleuchtet und somit können Nachrichten zwangsläufig zu irrigen Ansichten führen. Insbesondere Populisten machen sich dieses Phänomen für ihre Zwecke zu Eigen. Während der Qualitätsjournalismus noch einen Faktencheck durchführt, haben sich nicht verifizierte Meldungen bereits über den Globus verbreitet.

 

Doch nicht allein eine plakative Überschrift kann einen gewünschten Effekt erzielen. Linsinger hebt hervor, dass auch Fotos eine Medienwirksamkeit entfachen können. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ hebt sie prägnant hervor. Und hier zeigt sich ein Aufgabenspagat. Zwar versuchen Politiker, sich optimal in Szene zu setzen und die Presse sollte, um unbillige Stimmungsmache vermeiden zu können, auf „Meuchelfotos“, die Politiker gähnend, niesend oder mit vollem Mund zeigen, verzichten. Gleichwohl sollen gute Fotojournalisten ein möglichst realistisches Bild vermitteln.

Die Autorin schildert den Sachstand sehr nachvollziehbar in einer Art und Weise, dass ihre Darstellungen auch von jenen Lesern verstanden werden können, die nicht Journalismus studiert haben. Das Buch richtet sich zwar an Studenten, ist aber sehr wohl auch für den „Hausgebrauch“ zu empfehlen. Jedoch weist es einen entscheidenden Mangel auf. Linsinger lässt den Leser mit den neu gewonnen Eindrücken allein. Sie fügt zwar ein vierseitiges Kapitel unter der Überschrift „Und was jetzt? Was tun?“ an, doch wirklich hilfreich ist dieser Anhang nicht.

 

Denn darin schreibt Linsinger unter anderem, dass Frankreich die Verbreitung von Falschmeldungen verhindern will. Kandidaten, die an Wahlen teilnehmen, könnten in den drei Monaten vor den Wahlen mithilfe eines Richters im Eilverfahren gegen die Verbreitung von Unwahrheiten vorgehen. Aber ist das tatsächlich ein Ansatz? Was ist mit Falschmeldungen in den übrigen Zeiträumen und besteht nicht ohnehin bereits die juristische Möglichkeit? Und wie will man eine falsche Nachricht, die sich bereits in Windeseile verbreitet und in den Köpfen der Wähler festgesetzt hat, wieder einfangen?

Man wird es wohl oder übel vorerst zur Kenntnis nehmen müssen, dass es Menschen gibt, die sich ihre eigene Filterblase eingerichtet haben und es sich darin emotional gemütlich machen. Man muss mit Leuten zusammenleben, die Chemtrails als Fakt ansehen und auch inzwischen wieder der Überzeugung sind, dass die Erde eine Scheibe ist. Getreu dem Motto „die Gedanken sind frei“ wird man diesem Sachstand nicht mit richterlichen Beschlüssen beikommen können.

 

Der Ansatz wäre vielmehr ein anderer: Bildung. Die Lehrpläne an den Schulen sind antiquiert. Man versucht den Satz des Pythagoras zu vermitteln, erläutert Dinge wie die Sinus- und Kosinusfunktion. Damit kann die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung später bestenfalls nur noch bei „Wer wird Millionär“ Nutzen ziehen. Wissen, auf das die heranwachsende Bevölkerung tatsächlich heutzutage zurückgreifen müsste, wird hingegen nicht vermittelt. In einem im November 2015 in der „Zeit“ veröffentlichten Gastbeitrag von Christoph Lütge heißt es bereits in der Einleitung „Wie aber sollen junge Menschen Marktwirtschaft kritisieren, wenn sie diese nicht einmal verstehen?“ Zuvor schon, im Juni 2015, plädierte die damalige Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) für die Schaffung eines neuen Unterrichtsfachs „Alltagswissen“ und bezog sich auf Dinge wie Handyverträge oder Grundkenntnisse in Kochen und Ernährung. „Viele Jugendliche schauen mit Begeisterung Kochsendungen, können aber ohne Mikrowelle keine Lebensmittel mehr zubereiten“, so Wanka damals. Passiert ist seit dem jedoch nichts.

Und jenes Alltagswissen würde auch zu einem richtigen Umgang mit Medien führen können. Dies fängt schon im privaten Kreis an. Jugendliche würden erfahren, dass sie nicht jedes Selfie in sozialen Netzen veröffentlichen sollten. Und schließlich würde eine Generation heranwachsen, die über die notwendige Medienkompetenz verfügt und weiß, wie man Fakenews erkennen und werten kann.

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Doch genau diese entscheidenden Ansätze lässt Linsinger in ihrem veröffentlichten Vortrag leider vermissen.

Das Buch „Alles nur Fake!“ (ISBN 978-3-7117-2086-3) umfasst 120 Seiten und ist in der ersten Auflage im Picus-Verlag zum Preis von 15,00 Euro erschienen.


 

 

Tags: Pressefreiheit, Journalismus, Österreich, Rezensionen

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