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DIE ZEIT: Rezo startet eigene Kolumne

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Dieses Muster wurde später insbesondere im ländlichen Raum von der NPD übernommen. Diese Partei stellte in den entlegensten Dörfern eine Hüpfburg auf und verkaufte Bier und Bratwürste. Nachdem auch das letzte Kulturhaus und jedweder Jugendclub nach der Wende geschlossen wurde, waren derartige Veranstaltungen die einzige Abwechslung für ein Volk, welches sich vom Rest der Gesellschaft abgehängt und nicht mehr zugehörig fühlte. Und nicht viel anders heute die AfD. Überall Info-Stände, die „Altparteien“ haben hingegen, so scheint es, den Wähler längst abgeschrieben. Politik findet dort meist nur noch auf Kreisparteisitzungen, nicht aber mehr auf der Straße beim Wähler statt.

 

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Man muss zwangsläufig zu dem Eindruck kommen, Politiker lernen nicht dazu, sind zuweilen vollkommen hilflos, was sich dann nicht selten in unkontrollierten Reaktionen auswirkt. Sei es beispielsweise die von Annegret Kramp-Karrenbauer in Bezug auf das Rezo-Video oder jüngst die von Bundesinnenminister Horst Seehofer nach dem Attentat in Halle an der Saale am 9. Oktober 2019.

In seiner ersten Kolumne kritisiert Rezo Horst Seehofer, wobei dieser wohl eher als Synonym dient. Die Person Seehofer wäre bezüglich Rezos Kritik vielfach austauschbar. Nach dem Attentat in Halle/Saale machte Seehofer indirekt die „Gamer-Szene“ für die Schüsse mitverantwortlich. Und dieser Begriff, dies hebt Rezo zutreffend hervor, ist ebenfalls nichts Greifbares. Denn wer gehört zu dieser „Szene“? Und vor allem, durch was ist dieser behauptete Zusammenhang belegt? Ist jeder, der irgendein Spiel auf seinem Rechner spielt, verantwortlich?

 

Was Rezo an dieser Stelle allerdings übersieht: dass irgendeine Gruppe für ein Attentat in kollektive Haftung genommen werden soll, ist doch nun wahrlich nichts neues. Beim Amoklauf von Winnenden und Wendlingen tötete ein 17-jähriger am 11. März 2009 15 Menschen und schließlich sich selbst, elf Menschen wurden zudem verletzt. Der Täter hatte Zugriff auf die Waffe seines Vaters. Dieser war Mitglied in einem Sportschützenverein und bewahrte die Waffe entgegen bestehender Regelungen nicht im Tresor, sondern im Schlafzimmer auf.

Es war nahe liegend, dass sich nun eine Diskussion über das Sportschützenwesen ergab, gefolgt von einer Überlegung zur Verschärfung des Waffenrechts in Deutschland. Doch die Sportschützen haben offenbar eine gute Lobby und urplötzlich waren die Paintballer Ziel einer möglichen politischen Strategie als Reaktion auf den Amoklauf. Und so wird immer wieder eine neue Sau durchs Dorf gejagt.

 

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Es wäre aber falsch, nun allein die unüberlegten Verhaltensmuster von Politiker zu kritisieren. Auch die Medien müssten sich über die eine oder andere überzogene oder ausbleibende Reaktion Gedanken machen. Zugegeben, die Gradwanderung ist nicht immer einfach, bleibt aber eine nicht zu vernachlässigende Aufgabe. Medien müssen sich die Frage stellen, wo notwendige Berichterstattung aufhört und langsam in eine Hofberichterstattung übergeht. Ja, es muss über Pegida berichtet werden aber auch nicht jede Woche. Und erst recht nicht, wenn jede Woche die gleichen dümmlichen Parolen in ein Megafon geplärrt werden.

Aufgabe der Medien ist es auch, ein objektives Bild herstellen zu müssen. Und dies bedeutet, dass man einen Politiker sehr wohl zu Wort kommen lässt. Es gehört aber nicht dazu, ihm eine Bühne bieten zu wollen. Der Unterschied besteht darin, ihn seine Meinung sagen zu lassen, ihn aber auch korrigieren zu müssen, wenn es sich nicht um Meinung, sondern um sinnlosen Stuss handelt.

 

Diesen Ansatz griff Rezo nun in seiner ersten Kolumne auf. Journalisten sind zuweilen müde geworden, wenn es darum geht, die Sinnlosigkeit vermeintlicher Zusammenhänge, wie jenen angeblich zwischen dem Hallenser Attentat und der Gamer-Szene bestehenden, hinterfragen zu müssen. Aber insofern ist es nicht nur gut und nicht nur wichtig, wenn aus einer völlig ungeahnten Ecke jemand wie Rezo daherkommt und die Finger in eine Wunde legt.

Offene Wunden gibt es leider allzu viele. Aber hoffentlich auch zukünftig ebenso viele Rezo-Kolumnen.

 


 

Tags: Journalismus, Die Zeit, Politik und Nachrichten (Objektgruppe), Rezo

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