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Retro-Zeitschrift kult!: Poster, Pop & Petting

Kult„Kommen Sie mit uns auf einen Trip in die goldene Vergangenheit!“ Mit diesen Worten preist der NikMa Verlag in Vaihingen/Enz (Baden-Württemberg) sein Magazin „kult!“ an. Doch von „Trip“ kann überhaupt keine Rede sein, vielmehr ist es eine journalistische Form des Kidnappings, Denn selten schafft es eine Redaktion die Leser an eine Zeitschrift zu binden, wie es bei diesem Magazin der Fall ist.

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Nachdem die Hauspost verteilt wurde liegt ein Stapel mit mehreren Zeitschriften auf dem Schreibtisch, die besprochen werden wollen. Dabei ist das Erstellen einer Rezension immer auch ein bisschen wie diese berühmte Pralinenschachtel aus dem Film „Forrest Gump“: man weiß nie, was man bekommt. Man nimmt unvoreingenommen einen Titel zur Hand, lässt sich überraschen und fasst die Eindrücke, die man gewonnen hat, schließlich in Worten zusammen.

Ziel der Rezensionen auf dieser Website ist es primär, dem geneigten Leser die eine oder andere Zeitschrift vorstellen zu können, die dieser bisher noch nicht kannte. In Anbetracht dessen, dass es in Deutschland über 8.000 verschiedene Zeitungen und Zeitschriften gibt, wäre dies auch nicht unwahrscheinlich, wenn die eine oder andere Medien-Perle bislang verborgen blieb. Und jedem steht es dann frei, das betreffende Printprodukt dann zu kaufen oder auch nicht. Zudem kann jeder, je nach eigenen Interessen, in den einzelnen auf dieser Website angelegten Rubriken stöbern, in der Hoffnung, irgendein bislang unbekanntes, aber dennoch interessantes Produkt finden zu können.

 

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Ziel der Präsentationen ist es jedoch keinesfalls, einen Titel deshalb zu besprechen, um ihn mutwillig „zerreißen“ zu können. Dies wäre unangebracht und zwar aus einem Grund: jede Zeitschrift hat ihre Leser und diese gilt es zu respektieren. Man selbst muss nicht verstehen weshalb jemand gleich ein halbes Zeitschriftenregal mit Titeln, die über die „Schönen und die Reichen“ berichten, aufkauft, da man ja eventuell dann doch überall die gleichen Storys lesen wird. Es gibt aber auch Zeitschriften, die berichten über Dinge, von denen man nie gehört hat, und man konnte sich auch nie vorstellen, dass es darüber dann auch noch eine Zeitschrift gibt.

Der eine liebt Gartenzwerge, der andere sammelt Briefmarken, und schließlich gibt es Leute, die gehen im Winter bei Minusgraden nackt baden. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Im Sinne der Rezensionen auf dieser Seite sind nicht die Themen einer Zeitschrift „gut“ oder „schlecht“, vielmehr sind es „technische“ Fragen, die ausschlaggebend sind. „Schlecht“ wäre zum Beispiel ein kleiner Schriftgrad bei einer Zeitschrift, die sich an Senioren richtet. „Gut“ ist es, wenn es die Redaktion schafft einen Leser, der nie die Absicht hatte, die betreffende Zeitschrift zu kaufen, über Stunden in den Bann ziehen zu können.

 

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Auf dem eingangs beschriebenen Schreibtisch lag nun eine Zeitschrift mit dem Namen „kult!“ aus dem in Vaihingen/Enz ansässigen NikMa Verlag, in dem auch das Magazin „Good Times“ erscheint. Auf der Titelseite ist die schwedische Band Abba abgebildet, zudem Cover der Jugendzeitschriften „Bravo“, „Pop“ und „Rocky“ und auch Logos von TV-Serien wie „Wer ist hier der Boss?“. Und irgendwie erinnert man sich plötzlich an eine RTL-Nostalgiesendung mit Oliver Geissen, in der die besten Songs aus einer Epoche in einem Countdown präsentiert werden und Prominente, auf einem Sofa sitzend, von ihren eigenen Erinnerungen berichten, während sie einen Zauberwürfel drehen. Kennste eine Geissen-Show, kennste alle Geissen-Shows. Und so hat man schon die Befürchtung, die vor einem liegende Zeitschrift könnte zu einem Abklatsch dieser insgesamt langweiligen, weil austauschbar, TV-Shows werden.

Doch in der Zeitschrift kult! geben nicht Musiker, Schauspieler oder Politiker ihre Eindrücke zum Besten. Vielmehr macht das Magazin den Leser zum Hauptdarsteller einer Show. Die Redaktion holt, wie man immer so schön sagt, den Fan ab und schickt ihn auf eine Erinnerungsreise. Sie zelebriert den 60. Geburtstag von Jim Knopf und Lukas (Lokomotivführer, Lummerland), porträtiert Steve McQueen, „The King of Cool“ (1930-1980). Man beleuchtet Sekt und Champagner-Reklame im Laufe der Jahrzehnte von Rüttgers Club („…und die Sterne stehen günstig!“) über Kupferberg Gold („Eine der schönsten Launen der Welt“) bis hin zu der am Schlagzeug sitzenden Dame, die lautstark die Frage stellt „Wo ist der Deinhard?“

 

Ein regelrechtes Highlight der derzeit im Handel erhältlichen Ausgabe ist eine Präsentation von legendären Jugendzeitschriften auf ganzen 11 Seiten. Es werden dabei auch Printprodukte berücksichtigt, die vor Jahrzehnten bereits eingestellt wurden, jedoch schon/noch „zu Lebzeiten“ einen Kultstatus hatten. Hierzu zählt unter anderem das früher monatlich erscheinende „top Schlagertextheft“. Und irgendwie fällt es dann dabei schwer, der heutigen Jugend das Konzept dieses Magazins zu erklären.

Ja, liebe Teenies, auch eure Eltern fanden Musik gut und waren stets darauf besessen, den Text der aktuellen Chartbreaker mitsingen zu können. Und dabei wollte man ja nicht allein lautmalerisch vortragen (an dieser Stelle einmal ein Gruß an Agathe Bauer), es sollte schon korrekt sein. Und dafür kaufte man sich eben monatlich die „top Schlagertexthefte“. Denn damals stand noch kein Internet zur Verfügung und entsprechende Texte gab es einen pro Woche in der Bravo oder eben monatlich etwa 20 Stück im top-Heft.

 

Karierte Hosen und nix drunter

Aus heutiger Sicht ist eher etwas ganz anderes unfassbar: die Auswahl der Titel in jenem top-Magazin, welches etwa die Größe einer Postkarte hatte. Da gab es in einer Ausgabe neben Abba („Voulez-Vous“) und Kiss („I Was Made For Lovin’ You“) auch gleichzeitig Schlagerstars wie Karel Gott („Lago Maggiore“) und Heino („Mary Rose“). Unvorstellbar, dass diese Interpreten in einer Ausgabe zusammen präsentiert wurden. Aber ebenso waren auch richtige „Schmankerl“ wie The Teens aus Berlin („1-2-3-4 Red Light“) oder auch Manuel & Pony („Das Lied von Manuel“) dabei. Manuel & Pony kennt heute kaum noch jemand, wohl aber eine Sängerin der Band Pony: Anke Engelke.

Das Magazin kult! nimmt jene mit, die in etwa in den 1960er Jahren geboren wurden. Dieser Personenkreis ging zum Beispiel im Januar 1977 in die Berliner Eissporthalle in der Jafféstraße in Charlottenburg, denn da gaben im Rahmen der It’s A Game-Tournee die Bay City Rollers ein Konzert. Bay City Rollers, die kamen aus Edinburgh (Schottland), trugen karierte Hosen und behaupteten, sie hätten darunter keine Unterhosen an. Und wenn man die toll fand, dann fand man The Sweet doof. Man hatte sich zwischen diesen beiden Gruppen gefälligst zu entscheiden, warum auch immer.

Als Alternative standen da noch Smokie (Who The Fuck is Alice?) oder Status Quo zur Auswahl. Aber letztere konnten ja eigentlich keine Musik machen, denn sie beherrschten auf ihren Gitarren nur drei Akkorde. Stimmt zwar nicht, taugt aber zur Legendenbildung bis heute. Oder aber man mochte The Teens, die waren schon ein klein wenig greifbarer. Sie sangen auf Englisch, waren aber nicht so weit weg, wie andere Bands, denn sie stammten aus Berlin. Und der Sänger, Robert Bauer, war nicht verwandt mit der zuvor genannten Agathe Bauer, sondern mit Marianne Rosenberg. Die wiederum widmete ihren Song „Er gehört zu mir“ dem Moderator der ZDF-Musiksendung „disco“, Ilja Richter, mit dem sie wohl mal ein Verhältnis gehabt haben soll. So was hatte jedenfalls mal die „Bravo“ angedeutet. Und all diese Geschichten fallen einem plötzlich ein, wenn man durch die Zeitschrift kult! blättert. Es ist schier unglaublich, was da im Langzeitgedächtnis alles hängen geblieben ist.

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Das Magazin widmet sich insbesondere der nahezu inflationären Entwicklung im Markt der Jugendzeitschriften in den 1960er Jahren. Oftmals gab es kaum Unterschiede, denn Rubriken, die in der Bravo Anklang bei den Lesern fanden, wurden kopiert. Kaum eine Zeitschrift kam ohne Sexberatung für Jugendliche aus („Kann man vom Küssen schwanger werden?“) und veröffentlichte Inhalte in den Bereichen Kino, Charts, Berufswahl, Stars. Im Zeitschriftenhandel gab es Musik Express, Popcorn, Das Freizeit-Magazin für junge Leute (wurde 1979 mit Rocky zusammengelegt), Girlfriend, Jugendlust, Popfoto, Musikjoker, Stafette, Melanie, Mädchen, Pop, Yes, OK, Neues Leben und viele weitere.

Ja, man könnte noch und nöcher aufzählen, mit welchen Dingen sich die kult!-Redaktion allein in der aktuellen Ausgabe befasst hatte, mit der legendären Satire-Zeitschrift pardon!, mit Hintergründen des berühmten Esso-Tigers, mit TV-Charakteren wie dem Schuhverkäufer Al Bundy aus der Comedy-Serie „Eine schrecklich nette Familie“, mit „dahinsiechenden Traditionsvereinen im Fußball“, mit der Präsentation des Kawasaki-Motorrads 750 H2 Mach IV und selbst politische Themen wie Willy Brandts Kniefall in Warschau und die Gründung der RAF werden berücksichtigt. Es ist insgesamt eine journalistische Spielwiese, wobei dieser Begriff keinesfalls abwertend gemeint sein soll.

 

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Kurzum: es handelt sich um eine Zeitschrift, die ihren Preis wert ist, die man über Stunden hinweg nicht mehr aus der Hand legen möchte, die den Leser regelrecht zurück katapultiert in eine Zeit, die man kurz und knapp als „eigene Jugend“ bezeichnet. Aber einen Kritikpunkt muss sich der Verlag dann doch gefallen lassen. Weshalb nur bleibt das Marketing für diesen Titel aus? Die Zielgruppe dürfte groß sein, sehr groß sogar. Und nicht wenige werden dieses Magazin mangels Kenntnis bislang noch nie im Handel nachgefragt haben. In diesem Punkt ist, wie man immer so schön sagt, noch sehr viel Luft nach oben.

Das Magazin, dass nach Angaben des Verlags mit einer Auflage von 35.000 Exemplaren jeweils im April und Oktober eines Jahres erscheint, ist zum Verkaufspreis von 6,50 Euro am Kiosk erhältlich. Die nächste belieferte Verkaufsstelle kann online über das Portal mykiosk abgefragt werden.

 

 

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Tags: Lifestyle (Objektgruppe)

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