Auslaufmodell Tageszeitung: Können Bürgerzeitungen einspringen?

Das Bürgerzeitungsprojekt „Die AUFmacher“, gefördert aus Mitteln des Bundesinnenministeriums, zieht Zwischenbilanz: Unter der Überschrift „Zukunftsmodell Bürgerjournalismus“ diskutieren Experten über die Bürgerzeitung als Instrument für mehr zivilgesellschaftliche Beteiligung.


Grundlage der Podiumsdiskussion im Terminal Tango des Hamburger Flughafens ist der kürzlich abgeschlosseneZwischenbericht einer Forschergruppe der Universität Leipzig zum Projekt „Die AUFmacher“. Medienmacher und soziale Einrichtungen arbeiten in dem Projekt seit Herbst 2011 zusammen, um Bürgerzeitungen in ländlichen und strukturschwachen Regionen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen auf den Weg zu bringen. In der Region Ludwigslust-Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) sind bereits drei Ausgaben der Bürgerzeitung „Die AUFmacher“ erschienen. Ehrenamtliche Bürgerredakteure aus Siedlungen in Boizenburg, Hagenow-Kietz, Neustadt-Glewe und Wittenburg berichten darin zum Beispiel über die Müllsituation in ihren Wohnorten, Frauentreffs in der Nachbarschaft oder Ausflugsziele in der Region.

Im Vogtlandkreis (Sachsen) erscheint in Kürzeebenfalls die erste Ausgabe der neuen Bürgerzeitung. Ziel ist es, bürgernahen Themen mit Bürgerzeitungen eine Plattform zu geben. So soll eine Alternative geschaffen werden zu klassischen Lokalzeitung, aber auch zu rechtsextremen Plattformen, die oft Themen aufgreifen, die den Bürgern wichtig sind. Die Forschergruppe am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig unter Leitung von Martin Welkerbegleitet die Bürgerredaktionen mit einer Analyse lokaler Kommunikationsprozesse. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie örtlicheKommunikation beschaffen sein muss, damit sich Bürger mit ihrem Viertel, Stadtteil oder ihrer Gemeinde identifizieren. In mehreren Einzelarbeiten von Journalistik-Studierenden wird untersucht, wie sich die Menschen an den Projekt-Orten über wichtige Fragen des Zusammenlebens informieren und über welche Themen im Stadtteil gesprochen beziehungsweise in den Lokalmedien geschrieben wird. Untersucht wird auch, ob sich die Bewohner in diesen Stadtteildiskussionen wieder finden.

 

Der erste Zwischenbericht der Forscher vom September 2012 hat insbesondere in der Region Ludwigslust-Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) kommunikative Defizite erkennbar gemacht. Die Forscher berichten, dass Themen, die den Bewohnern am Herzen liegen, in den verfügbaren Lokalzeitungen zu selten aufgegriffen werden, Rechtsextremismus „nahezu tabuisiert“ wird. Stattdessen überwögen Texte, in denen vor allem etablierte Akteure zu Wort kommen. Gleichzeitig würden Lokalmedien undifferenziert genutzt: Die wichtigen inhaltlichen Unterschiede zwischen journalistischen Qualitätszeitungen undinteressengeleiteten Anzeigenblättern würden nicht erkannt. Auch rechtsextreme Wurfsendungen würden stellenweise mit journalistischen Artikeln verwechselt, Diese Defizite führen zu Rückzug, Frustration und damit der Schwächung des gemeinschaftlich-demokratischen Zusammenlebens; in der Folge werden u. U. extremistische Gruppen gestärkt. Zu den Projektzielen von „Die AUFmacher“ gehört deshalb, über eine stärkere Identifikation mit dem eigenen Stadtteil das gesellschaftliche Engagement zu fördern, für seriöse Berichtererstattung zu sensibilisieren und dadurch rechtsextremistische Einflüsse durchschaubarer zu machen. „Die AUFmacher“ ist Teil des Bundesprogramms „Zusammenhalt durch Teilhabe“ und wird vom Bundesinnenministerium gefördert.

Podiumsdiskussion „Zukunftsmodell Bürgerjournalismus“ am Freitag 9.11.2012, 16.00 Uhr Dialoginsel der Jugendpresse Deutschland, Terminal Tango, Flughafenstraße 1-3, 22335 Hamburg mit Holger Kulick, Matthias Quent, Ute Seckendorf, Martin Welker und Greta Wonneberger